19.11.2018

Rede des Ortsbürgermeisters zum Volkstrauertag 2018

“Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.” Treffender als Frankreichs Staatspräsident Emaunel Macron kann man es nicht formulieren…

Wir haben uns hier versammelt, um am Volkstrauertag gemeinsam zu gedenken - den Opfern von Kriegen, Gewaltherrschaft und Terror.

Der Volkstrauertag – zunächst 1919 vom VDK als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen, wurde, genau einen Tag nach dem Tode von Reichspräsident Friedrich Ebert, am 01. März 1925 erstmals begangen. Aus dem hehren Ziel, das der Volksbund mit dem Volkstrauertag verband, nämlich die Zielvorstellung, eine bei allen Deutschen einheitliche Erinnerung an das Leid des Krieges zu bewirken und so die Deutschen “über die Schranken der Partei, der Religion und der sozialen Stellung zusammenzuführen”, machte schon wenige Jahre später die Propagandamaschine der Nazis den “Heldengedenktag” um militärische Helden von Kaiserreich und Wehrmacht zu feiern.

Nach der Wiedereinführung 1946 – die Schrecken des 2.Weltkrieg vor Augen, stellten die damaligen Verantwortlichen diesen Tag in die Erinnerung des Deutschen Volkes an die Toten der beiden Weltkriege, aber auch ebenso an die Opfer der Gewaltherrschaft und des Terrors aller Nationen.

“Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.”

Fast auf den Tag vor hundert Jahren endete die “Urkatastrophe” des 20.Jahrhunderts, der erste Weltkrieg. Im Prinzip von allen bedeutenden Nationen der damaligen Zeit gemeinsam angezettelt und zunächst vor allem als großes Abenteuer gesehen um den nationalen Ruhm und die Ausdehnung der Einflusssphären zu mehren. Aber aus dem vermeintlichen Abenteuer entwickelte sich das erste industrielle Abschlachten. Zunächst unterstützt von der Bevölkerung, weit weg von den Kriegsschauplätzen und dann immer stärker vorangetrieben von einer nach Profit gierenden Kriegsindustrie, die Massenvernichtungswaffen und Giftgas entwickelte und nationalistischen starrsinnigen adligen Militärs, standen am Ende 17 Millionen Menschen, die ihr Leben verloren und über 20 Millionen Menschen mit zum Teil dramatischen Verletzungen und dem Erleiden psychischer Grausamkeiten.

Am Ende stand aber auch ein zerbrochenes und mehr als vorher zerstrittenes Europa. Mit der Weimarer Republik versuchte Deutschland einen demokratischen Neuanfang. Leider stand dieser auf einem maroden Fundament, dass die nationalistischen deutschen Kriegsherren in ihren letzten Tagen gelegt hatten. Weltwirtschaftskrisen, national-egoistische Staaten und unerfahren mit der Macht der Demokratie ging das deutsche Volk den nationalistischen Hetzern wieder auf den Leim.

“Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.”

Denn nun begann das größte Verbrechen, dem die Menschheit bisher ausgeliefert war, der 2. Weltkrieg. Über 60 Staaten waren direkt oder indirekt betroffen.

Am Ende stand die unglaubliche Zahl von 28 Millionen toter Soldaten, 40 Millionen toter Zivilisten und über 6 Millionen toter Juden und anderer sogenannten “unerwünschten Volksgenossen- und Schädlingen”.

All dies angezettelt mit grausamer Effizienz vom verbrecherischen Nazi-Regime und im Namen des Deutschen Volkes.

Was folgte war eine Zeit der Besinnung und des Zusammenraufens. Diese Fehler sollten sich nie wieder wiederholen. Und wir alle dachten, dies sei nun Geschichte. Deutschland eingebettet in einem aufstrebenden Europa erlebte Jahrzehnte der Solidarität und des Friedens.

“Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden.”

Was niemand für möglich gehalten hätte ist aber wieder eingetreten. Es gibt kaum eine Region auf dieser Erde ohne Krieg, Bürgerkrieg oder Terror. Und wenn wir keinen Krieg mit Menschen führen, führen wir Krieg und Terror gegen die Natur. Große Nationen verwechseln Patriotismus mit Nationalismus und Egoismus und führen so die ganze Welt wieder an den Rand des Zusammenbruchs. Sofort kommen aber auch hier in Europa und in Deutschland wieder die alten Rattenfänger aus ihren Löchern und predigen das Hohelied des Nationalismus. Und überall gehen ihnen bereits wieder die Menschen auf den Leim.

Bei den Europawahlen im nächsten Jahr steht nicht weniger als die demokratische Zukunft, unser Wohlstand und der Friede auf dem Spiel…

Und was am meisten verstört, man könnte meinen, dass wir auf der ganzen Welt wieder das Jahr 1914 schreiben…

Die alten Dämonen steigen wieder auf – bereit ihr Werk von Chaos und Tod zu vollenden, den Nährboden für die ewig gestrigen zu bereiten, die uns erst verunsichern wollen um dann wieder ihre braune intolerante Weltanschauung, die uns bereits in 2 verheerende Kriege geführt hat, salonfähig zu machen.

Viele Menschen fühlen sich nicht mitgenommen von der Politik und folgen frustriert diesen Rattenfängern.

Überall in der Welt stehen auf einmal die Demokratien auf dem Prüfstand und müssen um ihren Bestand kämpfen.

Aber lassen Sie uns gemeinsam kämpfen, kämpfen für unsere Freiheit und Demokratie.

Jeden Tag nur ein klein wenig.

Aber wie kann man das machen? Was kann ich machen?

Zunächst mal soll man nicht alles glauben, was in Facebook und Co ungeprüft in Sekunden um die halbe Welt schießt, nur weil es halt mal so gerade ins Weltbild passt. Wenn man Entscheidungen nicht versteht, hat kritisches Hinterfragen und Nachfragen bei echten Sachkundigen noch nie geschadet. Keinen einfachen Antworten auf die Fragen unserer Zeit glauben schenken. Nehmen wir uns einfach mal zurück, oder sagen “Stopp!” wenn am Stammtisch mal wieder gegen Menschen gehetzt wird. Nehmen wir unseren Kollegen in Schutz, der gemoppt wird. Oder behandeln wir einfach unsere Mitmenschen so, wie auch wir behandelt werden möchten.

Und vor allem kann ich hier nur an Sie appellieren, machen Sie sinnvoll von Ihrem Wahlrecht gebrauch!

Aber lassen Sie mich auf den heutigen Gedenktag zurückkommen.

Unsere Gedanken sind bei allen Opfern des Terrors und der Willkür in Europa und in der Welt. Aber auch bei allen anderen, die heute in Not oder auf der Flucht sind.

Im Namen der Ortsgemeinde Gau-Odernheim haben wir diesen Kranz niedergelegt.
Wir gedenken allen Toten und Opfern der beiden Weltkriege und des braunen Terrors.
Wir gedenken allen Toten und Opfern aller Kriege bis zum heutigen Tag.
Wir gedenken allen Toten und Opfern von Terror und Willkür, ob von staatlicher oder nichtstaatlicher Gewalt, bis zum heutigen Tag.

Ich möchte allen Beteiligten zur Durchführung der Gedenkfeier meinen Dank aussprechen. Dank an Frau Liesel Poss und den VDK, der wie keine andere Organisation in der Tradition des Volkstrauertages steht. Dank an die musikalische Umrahmung durch Herrn Franz Josef Schefer. Dank an die Fahnenabordnungen der Vereine. Und Dank an Ralf Krämer für die Solo Trompete.

Ich danke Ihnen!

Heiner Illing

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