17.11.2019

Rede des Ortsbürgermeisters zum Volkstrauertag 2019

Wir haben uns hier versammelt, um am heutigen Volkstrauertag gemeinsam den Opfern von Kriegen, Gewaltherrschaft und Terror zu gedenken.

Leider ist dieses Gedenken heute dringlicher als je zuvor…

Volkstrauertag - nach seiner Wiedereinführung nach dem 2.Weltkrieg stellten die damaligen Verantwortlichen diesen Tag in die Erinnerung des Deutschen Volkes an die Toten der beiden Weltkriege.

Den “Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat” sollte gedacht werden, aber ebenso an die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen.

1918 endete der erste Krieg, bei dem das Töten industrialisiert wurde, bei dem erstmals hochtechnische Massenvernichtungswaffen und Giftgas eingesetzt wurden und an dessen Ende 17 Millionen Menschen ihr Leben ließen und über 20 Millionen Menschen zum Teil dramatische Verletzungen und psychische Grausamkeiten erleiden mussten.

Dieser Krieg ging als erster Krieg der gesamten Welt in die Geschichte ein.

Ein zaghaftes erblühen der Pflanze der Demokratie wurde bereits wenige Jahre später durch die Stiefel der braunen Horden wieder zertreten.

Schon 21 Jahre später führten uns dann diese braunen Gesellen in die bis dato größte Katastrophe und das größte Verbrechen, dem die Menschheit bisher ausgeliefert war, den 2. Weltkrieg.

Über 60 Staaten wurden direkt oder indirekt mit hinein gezogen.

Am Ende stand die unglaubliche Zahl von 28 Millionen toter Soldaten, 40 Millionen toter Zivilisten und über 6 Millionen toter Juden und anderer sogenannten “unerwünschten Volksgenossen”.

Dies entspricht fast der Größe unserer Bundesdeutschen Bevölkerung! – Ganz Deutschland einfach ausradiert…

All dies angezettelt mit grausamer Effizienz vom verbrecherischen Nazi-Regime und im Namen des Deutschen Volkes.

Wir alle dachten dies ist nun Geschichte und kann nie wieder geschehen.

Aber schauen wir uns nur die letzten Wochen und Monate an.

Im Juni wird der Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet – im Oktober dann der Terroranschlag in Halle auf die jüdische Gemeinde – alles durchgeführt von im Internet radikalisierten Nazis…

Waren wir in den vergangenen Jahrzehnten zu sorglos?

Haben wir Signale nicht erkannt?

Versagen unsere gesellschaftlichen Frühwarnsysteme?

Kein normaler Mensch, so dachten wir, zumal in der Mitte Europas, würde sich je ernsthaft für die Hinterlassenschaften des Nationalsozialismus wieder begeistern.

Gedenken an Holocaust und Antisemitismus erstarrte in Ritualen und Mahnmalen.

Seitdem hat sich die Erinnerung an das “Dritte Reich” und seinen Vernichtungswahn offenbar glatt geschliffen und relativiert.

Es ist richtig, dass sich Geschichte nicht wiederholt.

Aber was wir gegenwärtig erleben, lässt dies in einem anderen Licht erscheinen.

Auf einmal werden im Reichstag wieder rassistische und antisemitische Phrasen gedroschen.

Aber warum – woher kommt dieser brutale Wandel des Gesellschaftsbildes – wohin driften wir ab?

Um es mit den Worten von Winston Churchill zu sagen: “Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.”

Den meisten von uns geht es deutlich besser als noch vor 20, 30 oder 40 Jahren.

Existenzielle Gründe, unserem bewährten demokratischen System, dem vielleicht besten der Welt, zu entfliehen, gibt es nicht.

Und Krieg kennen die allermeisten heute nur noch aus Erzählungen und aus den Medien…

Ja viele dachten sogar, dass wir nun in einer Welt ohne Hass und Gewalt leben würden.

Antisemitische Parolen, Phänomene wie die Reichsbürger, der Serienmord des NSU waren aus unserer Sicht entweder Taten von Sonderlingen oder Außenseitern.

In den neuen Bundesländern kommt hinzu, dass dort zu DDR-Zeiten alles Faschistische dem Kapitalismus zugeordnet worden war.

Der Arbeiter- und Bauernstaat fühlte sich immun. Jüdische Gemeinden existierten so gut wie gar nicht.

Unsere Gesellschaft wird nicht nur von völkischem Denken und Überfremdungsängsten bedroht, was sich der rechte Rand unseres Parteiensystems nicht nur zunutze macht, sondern massiv befeuert.

Wir müssen aufpassen, dass sich der gesellschaftliche Zusammenhalt über die Verteidigung gemeinsamer Werte definiert und nicht nur über Äußerlichkeiten oder Sieg und Niederlage im Sport.

Was sich hier fast täglich als besonders gefährliches Werkzeug entpuppt, ist das Internet.

Dort darf man beleidigen, erniedrigen, töten – alles digital und virtuell, höchst selten mit Konsequenzen.

Hier leben viele in ihrer eigenen Blase, in ihrer eigenen Welt und Wut. Auch der Todesschütze von Halle.

Wo war da die soziale Kontrolle? Jemand, der Waffen selbst bastelt, Handgranaten sammelt und vier Kilogramm Sprengstoff im Kofferraum spazieren fährt, muss doch auffallen.

Doch man muss gar nicht soweit gehen. In Oppenheim wurde vor wenigen Tagen ein Mensch zur Angriffsfläche brutalster Diskriminierungen, nur weil seine geschlechtliche Ausrichtung nicht ins Weltbild verblendeter ewig gestriger Zeitgenossen passte.

Was keimt da noch und wo? Vielleicht sogar hier mitten unter uns?

Wenn uns das Leben in unserem Staat lieb und teuer ist, wenn wir wollen, dass es lebenswert bleibt, dann müssen wir alle - jeder - solche Brandherde erkennen, bekämpfen und die Schwachen schützen.

Jeder an seinem Platz.

Jeder jeden Tag ob bei der Arbeit, beim Sport oder in der Kneipe.

Wenn wir uns dies zu Herzen nehmen, wenn wir auf Äußerungen wie: “Das wird man doch wohl mal sagen dürfen…” mit dem Hinweis reagieren “Dass man dies eben NICHT mal nur so sagen darf”, wenn wir konsequent Hass- und Schmähkommentare im Internet anzeigen, dann haben wir den ersten Schritt zur erfolgreichen Verteidigung unserer Demokratie und Freiheit getan.

Aber lassen Sie mich auf die aktuellen Ereignisse und den heutigen Gedenktag zurückkommen.

Unsere Gedanken sind bei allen Opfern und deren Angehörigen des Terrors und der Willkür in Europa und in der Welt.

Aber auch bei allen anderen, die heute in Not oder auf der Flucht sind.

Kranzniederlegung

Im Namen der Ortsgemeinde Gau-Odernheim haben wir diesen Kranz niedergelegt.
Wir gedenken allen Toten und Opfern der beiden Weltkriege und des braunen Terrors.
Wir gedenken allen Toten und Opfern aller Kriege bis zum heutigen Tag.
Wir gedenken allen Toten und Opfern von Terror und Willkür, ob von staatlicher oder nichtstaatlicher Gewalt, bis zum heutigen Tag.

Ich möchte allen Beteiligten zur Durchführung der Gedenkfeier meinen Dank aussprechen. Dank an Frau Liesel Poss und den VDK, der wie keine andere Organisation in der Tradition des Volkstrauertages steht. Dank an die musikalische Umrahmung durch Herrn Franz Josef Schefer. Dank an die Fahnenabordnungen der Vereine. Und Dank an Ralf Krämer für die Solo Trompete.

Ich danke Ihnen!

Heiner Illing

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